Tidy Kid

Bild zeigt Marly Lüske mit Akustik-Gitarre und Synthesizer zuhause. Credit: Marly Lüske
Photo-Credit: Marly Lüske

Liner Notes zu "selected works 06-10" von Georg Seeßlen

 

AUFGERÄUMTE KIND - MUSIK


Es gibt Leute, die machen einen großen Unterschied zwischen Musik und Malerei. Das eine ist das, was du hörst, und das andere ist das, was du siehst. Natürlich kannst du dir etwas ansehen, während du etwas hörst, oder du kannst etwas hören, während du etwas ansiehst. Klare Verhältnisse, oder?

 

Es gibt andere, bei denen gehen Bilder und Klänge ineinander über, da kann mit Klängen gemalt und mit Farben musiziert werden, zum Beispiel. Marly Lüske macht Musik wie gemalt und erzeugt Bilder wie aus einer Reihe von Klangskizzen. Alle seine tidy kid-Veröffentlichungen (es sind bislang so knapp zehn, ein Album, eine Compilation und der Rest Singles und EPs) verfolgen den Sinn für das Serielle, den man beim Malen entdeckt: Jedes Bild wartet auf den nächsten Schritt und ist doch ein für allemal. Es ist ein bisschen versponnen, im Sinne von verwoben mehr als im Sinne von verträumt. Denn keines der 16 tracks auf „selected works“ ist irgendwie nebelig oder trancig; man sieht
vielmehr der Musik bei der Arbeit zu.


Zu sagen, diese Musik sei „elektro-akustisch“ bedeutet vor allem, dass sie in mehreren Schichten übereinander gelegt ist, aber so, dass man beim Zuhören das einzelne Element immer noch erkennt. Man hört also Musik, wie man ein Bild sieht, nämlich zum einen, indem man das Ganze erfasst (der synthetische Code) und zum anderen indem man die verschiedenen Bild-Elemente miteinander in Beziehung setzt (der analytische Code). Der Spaß an einem Bild, oder eben an einem tidy kid-Musikstück, besteht daran, dass man beides kurz hintereinander oder sogar gleichzeitig macht. Man könnte sagen: Man schaut
ein Bild an, und man ist zugleich dieses Bild. Und genau so verhält es sich mit dem tidy kid-Stück, man hört zugleich Musik und man ist Musik. Das geht, weil es darin weder etwas „Überwältigendes“ noch etwas Willkürliches gibt. Wo es in Richtung INTELLIGENT DANCE MUSIC geht, da ist nicht nur honestly low fi, sondern immer auch reflektiert, wenn schon, dann wird hier intelligent getanzt (oder Intelligenz zum Tanzen gebracht, wie man es nimmt).

 

Man versteht, wie die Musik funktioniert, und ist gleichzeitig darüber überrascht, dass sie eben doch so vieles mehr tut als zu funktionieren. Dass tidy kid-Musik immer etwas mit „Kindermusik“ zu tun hat, ist nichts Kindisches, sondern etwas sehr gereift Kindliches. Als könnte man noch einmal so hören wie ein Kind, oder sich als Kind hören. Diese Idee, etwas zum ersten Mal zu hören, oder jedenfalls zum ersten Mal in einer solchen Zusammensetzung. Etwas, das nach Pop klingt, etwas, das nach Experiment oder Forschung klingt, etwas das nach Kunst klingt und etwas das nach Alltag klingt. Low fi heißt in diesem Zusammenhang, das etwas nach nichts anderem klingen soll als nach
sich selbst. Nichts an dieser Musik ist Simulation. Alle Technik ist so eingesetzt, dass man genau ihre Fähigkeiten und ihre Grenzen erkennt. Ein one-take klingt wirklich nicht nach Perfektion sondern nach Augenblick, und eine Nylonsaiten-Guitarre hat diesen weichen Klang, in dem die Töne an den Rändern verschwimmen. Man sieht und hört, wie sich Dinge ausbreiten, wie sie sich trennen, um miteinander zu reden, es ist eine Musik, die den Körper eher einsaugt als ihn in Bewegung zu versetzen. Diese Bannung, wie man sie sich bei einem orientalischen Märchenerzähler vorstellt.


Apropos Märchen. Tidy kid ist eine Kunst-Figur, die Marly Lüske erfunden hat und der wir durch sehr verschiedene Klang- und Bild-Abenteuer folgen; jedes Projekt gibt ihr einen neuen Rahmen, erklärt Regeln, die es dann auch wieder zu durchbrechen gilt. Es ist am ehesten vergleichbar einem fortschreitenden Kinderlied, das sich an allem möglichen bricht, an Instrumenten wie an den Produktionstechniken. Durch den Charakter von tidy kid aber kommt eine dritte Dimension ins Spiel: Die Erzählung. Tidy kid erzählt sich gleichsam immer weiter und ist, wie es mit einem solchen Erzählen eben geht, immer auch ein bisschen überrascht über sich selbst.


Die „selected works“ erscheinen nun als eine Art Zwischenbilanz, die Figur zeigt sich von allen den Seiten, die sie bislang an sich entdeckt hat, und zu jeder erzählt sich auch eine Geschichte, oder wenigstens eine literarische Anordnung wie „soziale Butter“ oder ein Koma für Hunde. So könnte es klingen, wenn Dadaisten einmal nicht provozieren wollen, sondern etwas „für sich“ machen.


Natürlich gehen hier auch das Australische und das Deutsche (oder besser: das Berlinerische) einen Dialog miteinander ein. Man könnte sich jemanden vorstellen, der durch die Stadt geht, Beobachtungen macht, und diese Beobachtungen in Form von musikalischen Skizzen speichert. Umgekehrt, ich habe es ausprobiert, sind die „selected works“ auch ein anregender Begleiter, wenn man selber einen solchen Gang unternimmt. Einschließlich der Fragmente, also der Beobachtungen, die keinen vollständigen Sinn, kein wirkliches ganzes ergeben. Fragment 3 und Fragment 2 gibt es auf der Selektion, Fragment 1 ist natürlich woanders oder überall.


Das Bild zu selected works ist ein Ölgemälde von einem Boot, in dem noch niemand sitzt, und das auf einem grüngelben See oder Fluss schwimmt. Es handelt sich um das Bild „Geisterfisch im positiven Sprung” von Meike Conrad-Janssen, der in allem, was sie macht, eine gewisse leggerezza eigen ist. Oh ja, Leichtigkeit ist wohl auch das passende Wort für diese Zusammenstellung, eben wie „ein tidy luftballon“.


Okay, steigen wir in dieses Boot, das uns vermutlich über lichtes Wasser tragen wird. In aufgeräumte Stimmung, wie man so sagt.

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Tidy Kid spielt keine Konzerte und legt nicht auf.